Bibliothekskonzept

Ausgangslage

Die Bibliothek Reburg liegt an gut frequentierter Lage. 

Sie präsentiert sich aktuell auf vier Etagen. Die kleinen Räume schränken unsere Möglichkeiten für Anlässe jedoch erheblich ein. Um das Angebot gut frequentierter Altersgruppen ausbauen zu können, sind die jetzigen Räume ungeeignet. Bis anhin ist es nur möglich während der regulären Öffnungszeiten die Bibliothek zu nutzen. Vor allem fehlen Flächen für Treffpunkt- und Lernflächen.

Mit der Digitalisierung ist auch der Wunsch nach Flexibilität gestiegen. Wir wollen unseren Kunden ermöglichen, auch ausserhalb der betreuten Öffnungszeiten das Angebot und die Räumlichkeiten zu nutzen.

Welche Aufgaben hat die Bibliothek in der Zukunft und was kann sie zu aktuellen gesellschaftlichen Problemlösungen beitragen?

Dazu haben der Vorstand, das Bibliotheksteam und Vertreter der Trägergemeinden zwei Workshops, unter der Leitung von Meinhard Motzko, Praxisinstitut Bremen abgehalten.

Trägergemeinden im Einzugsgebiet: 

Vorgehensweise

Bauliche und organisatorische Veränderungen für den einfachen Zugang zum Angebot der Bibliothek.

Die Bevölkerung soll die Möglichkeit bekommen, die Bibliothek auch ausserhalb der regulären Öffnungszeiten zu nutzen (echte Selbstbedienung). Für die unbetreuten Öffnungszeiten braucht es einen elektronischen Einlass. Die Medien werden über eine Selbstausleihe und Rückgabe durch den Kunden eigenhändig bedient. Dieses Angebot gilt für alle Erwachsenen mit einem gültigen Bibliotheksausweis. 

Während der betreuten Öffnungszeiten stehen die Bibliothekarinnen helfend zur Seite, falls Hilfe bei elektronischer Selbstverbuchung benötigt wird. Die betreuten Öffnungszeiten werden noch definiert.

Die Beratung der Kundschaft steht weiter im Vordergrund und kann in den Räumlichkeiten auf einer Etage auch besser wahrgenommen werden. Falls während der offiziellen Öffnungszeit keine Betreuung erwünscht ist, können die Bibliothekarinnen allgemeine Arbeiten erledigen, z.B.:

• Verräumen und Bereitstellen zurückgegebener Medien

• Allgemeines Aufräumen

• Vorbereiten Einkauf neuer Medien

• Katalogisieren und Ausrüsten neuer Medien

• Bereitstellung der elektronisch bestellten Medien

• Rücknahme der in den Abgabeboxen eingegangenen Medien

Neuer Name für die Bibliothek

Der aktuelle Standort ist mit dem Haus Reburg verbunden. Die Bevölkerung kennt die Bibliothek unter diesem Namen.

In Zukunft soll sich die Bibliothek nicht nur als Stadtbibliothek Altstätten präsentieren. Die Zentrumsbibliothek, getragen von 6 Trägergemeinden, soll der ganzen Region zur Verfügung stehen. Dies soll auch im Namen der zukünftigen Bibliothek zu erkennen sein.

Beispiel: Biboria (Bibliothek Oberes Rheintal in Altstätten)

Die Bibliothek erhält ein neues Logo und die Beschriftung wird angepasst.

Online-Bestellung und Lieferung an Trägergemeinden

Medien sollen von Kunden der auswärtigen Trägergemeinden über den Online-Katalog bestellt werden. Der Liefer-und Rückholservice wird an zentralen Standorten in den Dörfern angeboten.

Freier Zugang zu Information

Im Zeitalter der Digitalisierung präsentieren sich zahlreiche Veränderungen in der Medienlandschaft und in den Mediengewohnheiten der Bevölkerung. Was wiederum grosse Veränderungen in der Gesellschaft mit sich bringt und bereits überwundene Problemlagen wie z. B. mangelnde Sprachbildung und Analphabetismus wieder wachsen lassen.

Im ersten Workshop wurden Umfeldanalysen studiert und bewertet.

Daraus sind folgende Problemlagen ersichtlich: 

Auftrag der Bibliothek

Wir als Bibliothek sehen es als unsere Aufgabe bei gewissen Problemlagen unterstützend zu wirken.

Jeder und Jede hat das Recht auf einen freien Zugang zu Informationen. 

Durch die untersuchten Statistiken wird klar, dass vor allem die frühkindliche Sprachbildung leidet. Hier können wir eingreifen und Hilfestellung bieten. Denn aus heutiger Sicht weiss man, dass sich die Synapsen im Sprachzentrum des Gehirns bis zum Alter von drei Jahren bilden. Daher wollen wir anbieten, die Sprachbildung (vorranging 0-3 Jahre) zu fördern. Ab Kindergarten/Primarschule ist es zu spät.

Ein weiteres Kernthema besteht schon und soll weiter ausgebaut werden:
die Leseförderung. 

Diese drei Themen werden als wichtigste Auftragsbereiche erachtet. Weiter wollen wir einen sogenannten dritten Ort bieten. Das heisst ein sozialer Ort, Treffpunkt und Integration.

Kulturelle Bildung (Sprache, Literatur), Vermittlung Medienkompetenz und Vermittlung Recherchekompetenz sind weitere Aufgabenbereiche, die in Zukunft bearbeitet werden sollen. Aber Priorität haben die ersten drei Punkte.

Problemlagen

Wie schon oben erwähnt, ist von 0-3 Jahren die wichtigste Lebensphase zur Sprachbildung. Um dies zu fördern, kann die Bibliothek Hilfe bieten. Mit Buchstart für die Kleinsten, Vorlesestunden und Animationen. 

Lesekompetenz

Lesen ist Kino im Kopf (unbekannt)

In der Schweiz erreichen 16% der Bevölkerung nur Niveau 1 (von 4 Niveaustufen) beim Lesen von Texten. Das heisst, diese Personen sind nicht in der Lage einfachste, schriftliche Texte zu verstehen.

Daher muss schon früh angesetzt werden. Der Zugang zum Buch muss einfach sein. Fremdsprachige Personen sollten in der Muttersprache lesen können. Finden sie ihren Lesestoff in der Bibliothek, können sie so den Zugang auch ihren Kindern ermöglichen. Die Kinder bekommen Geschichten erzählt, was ihre Sprache fördert und später auch den Einstieg ins Lesen deutlich erleichtert. Eine Zusammenarbeit mit der Fachstelle Integration wird angestrebt. 

Die neuesten PISA Ergebnisse zeigen erschreckendes, vor allem: Ohne Lesekompetenz ist es auch im Fach Mathematik schwierig, Textaufgaben zu lösen. Die Orthographie ist schlechter geworden. Die Rechtschreibung wird unter anderem durch das Lesen erlernt.

Antolin wird angewendet, um Kinder zum Lesen zu motivieren. Allerdings ist es eher für Kinder gemacht, die bereits gerne lesen. Sie erreichen so schnell eine höhere Punktzahl, während Leseschwache benachteiligt werden. Auch einer der vielen Gründe, wieso die Zahl der Leseschwachen in den letzten Jahren zugenommen hat (PISA 2018).

Medien- und Recherchekompetenz

Bei 2-3 Jährigen liegt der Anteil der Beschäftigung mit Büchern bei 56%, beim Fernsehen sind es 47%.* Bei den 4-5 Jährigen dreht sich das Bild bereits komplett. So sind es beim Fernsehen 53% und bei Büchern noch 25%.

Fehlende Medienkompetenz führt zur digitalen Spaltung und zu sozio-demografischen Demarkationslinien.  Fehlende Medienkompetenz gibt es aber nicht nur bei älteren Mitbürger*innen (bei technischen Innovationen wie Smartphones, Apps, usw.).Hier Auch bei Kindern und Jugendlichen führt die «intuitive» Nutzung elektronischer Medien zum Verlust des so wichtigen «Ordnungs- und Verwertungswissens». Inhaltsverzeichnisse, Schlagwortsuche, Nutzung von Registern und Glossar, usw. sind zunehmend unbekannt. 

Die Vermittlung von Medien- und Recherchekompetenz in der Bibliothek muss hier die verschiedenen Bedürfnisse und Defizite bei unterschiedlichen Zielgruppen aufgreifen und mit geeigneten Angeboten entgegenwirken.

Zweifelhafte Quellen und «Fake-News» sind stark zunehmende Risiken bei der Informationsgewinnung und vor allem bei der Bewertung.

Hier kann die Bibliothek klar entgegenwirken. Alle Schülerinnen und Schüler der Trägergemeinden werden während der obligatorischen Schulzeit die Möglichkeit erhalten, eine kostenlose Einführung in die Bibliothek zu besuchen.

Ein kostenloser Zugang zu Büchern und Medien aller Art soll für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Altersjahr möglich sein. Leseförderung, Wortschatzbildung und allgemeines Lesetraining werden so unterstützt.

Um Menschen mit einem geringen Einkommen eine Mitgliedschaft zu ermöglichen, kommen folgende Massnahmen zum Zug:

• Junge Erwachsene in Ausbildung bis zum 25. Altersjahr und Personen im Rentenalter erhalten die Jahresmitgliedschaft zu einem reduzierten Preis

• sozial Benachteiligte erhalten mit dem KulturLegi-Ausweis eine Ermässigung

• Bewohnerinnen in Alters- und Pflegeheimen können von Lieferungen an ihr Domizil profitieren. 

Artikel 16 unserer Bundesverfassung gewährt die Meinungs- und Informationsfreiheit, insbesondere Absatz 3. Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus allgemein zugänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

Wir können die Quelle zu gedruckten Informationen (Zeitschriften, Bücher, Nachschlagewerke usw.) sein. Das gilt auch für die digitalen Informationsquellen. Auch hier bedarf es allenfalls Hilfe und Unterstützung bei der Vermittlung von Medienkompetenz und Recherchekompetenz durch die Bibliothekarinnen. 

Sozialer Ort, Treffpunkt und Integration

Weiter wollen wir einen sogenannten dritten Ort bieten. Einen Treffpunkt, wo sich verschiedenste Bevölkerungsgruppen barrierefrei austauschen und aufhalten können.

Die Gesellschaft zerfällt zunehmend in voneinander weitgehend isolierte Milieus. Das zeigen auch die Milieuanalysen für alle beteiligten Gemeinden im Einzugsbereich der Bibliothek Reburg.* Auch die Mediengewohnheiten bilden dieses «Leben in isolierten Blasen» ab: Es werden mittels sozialer Netzwerke nur die Informationen aufgenommen, die die eigene Meinung stützen und soziale Kontakte werden unter «Gleichgesinnten» isoliert. So fehlen auch in kleinen Gemeinden zunehmend Orte, an denen der soziale Austausch über Alters- und Milieugrenzen hinweg stattfinden kann. Somit ist es nicht mehr möglich, von den gegenseitigen Erfahrungen zu profitieren.

Das gilt in besonderer Weise auch für ältere Menschen, deren Lebens- und Berufserfahrung wertvolle Kapazitäten enthält, die mit jüngeren Menschen ggf. im Austausch mit deren besserer digitaler Kompetenz «getauscht» werden können. Das führt auch zur Wertschätzung des Wissens und der Lebenserfahrung Älterer durch Jüngere und Wertschätzung der technischen Kompetenzen bei Jüngeren durch Ältere.

Auch zugewanderte Menschen, völlig unabhängig von ihrem Herkunftsgebiet, brauchen Ansprechpartner und Orte der Orientierung, wenn sie sich «aufgenommen» fühlen sollen und Integration gelingen soll. 

Solche, nicht an kommerziellen Interessen ausgerichteten öffentlichen Orte zur Förderung einer Gemeindeidentität als Kern von «Heimat», von Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Unterstützung und Hilfe werden immer seltener. Hier soll die Bibliothek zukünftig ein wichtiger Ort werden.

Das Angebot an Büchern in fremden Sprachen sowie der Zugang zu ausländischen Presseerzeugnissen («press-reader, o.ä.) wird vergrössert.

In Altstätten hat sich eine Projektgruppe gebildet, die es Menschen mit einer Behinderung, oder ohne Kenntnisse der deutschen Sprache und Schrift, ermöglicht zu kommunizieren. Diese Gruppe nennt sich Altstätten inklusiv. Es handelt sich dabei um die nonverbale Kommunikation. Die Bibliothek wird den Betroffenen mit Symboltafeln und einzelnen Bildern an Regalen die Möglichkeit bieten, sich selbständig zu orientieren und zu verständigen. Auch die (barrierefreien) Räume der Bibliothek zur Verfügung stellen und Hilfen beim Zugang zu Informationen für Menschen mit Einschränkungen entwickeln und anbieten, werden wichtige Aufgabengebiete der Bibliothek.

Um Arbeitsplätze für Bibliotheksnutzer anbieten zu können, braucht es Online-Zugänge, genügend Steckdosen, Ladekabel und auch Hardware (Tablets, E-Book-Reader, usw.).

Die Bibliothek wird den «Club der Freiwilligen» gründen. Engagierte Personen werden  Angebote, (z.B. Lesungen, Büchertransporte) für Seniorinnen und Senioren und in Alters- und Pflegeheimen, anbieten. Weiter werden die Büchertransporte in die Trägergemeinden von dieser Organisation ausgeführt. 

Jede Bibliothek wird sich in den nächsten Jahren deutlichen Veränderungen unterwerfen müssen. Das Buch, egal in welcher Form, wird immer eine  wichtige Informationsquelle und ein Medium zur kulturellen Bildung mittels Sprache und Literatur sein. In den nächsten zehn Jahren werden jedoch immer mehr Informationen und Bücher digital zur Verfügung stehen und ggf. auch digital ausgeliehen werden. Die physische Ausleihe wird wahrscheinlich zurückgehen.

Eine Bibliothek wird zukünftig diese neuen Nutzungsformen ermöglichen und vermitteln müssen um weiterhin Art. 16 der Bundesverfassung nach freiem Zugang zu Informationen einzulösen. 

Es ist aber bereits jetzt an der Zeit, Massnahmen zu ergreifen, zu planen und zu reagieren damit diese Veränderungen reibungslos mitgemacht werden können und die oben erwähnten Kompetenzen angeboten werden können. 

Wir haben in unserem Dossier aufgezeigt, was möglich ist und wohin der Weg führt.

Zukunft

Es wird am bisherigen Standort nicht mehr machbar sein, eine Bibliothek der Zukunft zu führen. Die Räumlichkeiten sind zu alt, nicht barrierefrei und vor allem zu klein und das Gebäude steht unter Heimatschutz. An Decken kann nicht gebohrt werden. Kindersicherungen sind schwierig. Technische Innovationen wie Online-Zugänge, Selbstverbuchung und Selbstbedienung sind nicht möglich, ein Treffpunktbereich kann nicht angeboten werden. Auch Räume zum individuellen und/ oder Gruppenlernen sind nicht vorhanden.

Daher ist ein Umzug in besser geeignete Räumlichkeiten zwingend notwendig. Mit der Freihofpassage in Altstätten bietet sich eine hervorragende Möglichkeit. Sie liegt im Parterre. Der ganze Raum ist noch im Rohbau und Anpassungen sind daher möglich. Die Ausleihtheke und die Bücherregale werden auch für Besucher mit Rollstuhl zugänglich sein. Das Mobiliar sollte zudem leicht und auf Rollen sein, um flexible Nutzungen zu ermöglichen. Weiterhin werden genügend barrierefreie sanitäre Anlagen zur Verfügung stehen, und für Kleinkinder wird ein Wickeltisch vorgesehen.

Wir wünschen uns eine Bibliothek die von aussen gut erkennbar ist, mit einem offenen, einfachen, einladenden und freundlichen Eingang. Die Benutzer sollen sich nach ihren Bedürfnissen entsprechend schnell zurechtfinden und möglichst permanenten Zugang haben (Selbstbedienung).

*Alle Daten und Fakten samt Quellen sowie die erwähnten Milieustudien für die einzelnen Gemeinde liegen als Arbeitsmaterialien aus den Workshops in der Bibliothek vor.


Beteiligte

Das neue Bibliothekskonzept wurde im Auftrag der sechs Trägergemeinden erstellt.

Es sind dies: Altstätten, Eichberg, Marbach, Oberriet, Rebstein und Rüthi.

Die Strategiegruppe setzte sich wie folgt zusammen:

Aus den Gemeinderäten

  • Alex Arnold, Gemeindepräsident Eichberg
  • Monika Böhrer, Gemeinderätin Rebstein
  • Koni Hungerbühler, Gemeinderat Marbach
  • Daniel Schelling, Stadtrat Altstätten
  • Martin Stieger, Gemeinderat Oberriet
  • Richard Wenk, Gemeinderat Rüthi

Aus dem Vorstand des Vereins Bibliothek Reburg

  • Hans-Peter Enderli, Präsident
  • Linda Zünd, Vizepräsidentin
  • Roland Züger, Aktuar
  • Ralph Good, Vorstand

Aus dem Team der Bibliothek Reburg

  • Manuela Schöbi, Leiterin
  • Ursula Neurauter, Finanzen
  • Alexandra Graber, Bibliothekarin
  • Sandra Mäder, Bibliothekarin
  • Sandra Tanner, Bibliothekarin

Fachlich begleitet wurde die Arbeit der Gruppe durch

Meinhard Motzko, PraxisInstitut Organisations- und Personalentwicklung
D – 28197 Bremen

Die vorliegende Version des Konzeptes wurde verfasst von Manuela Schöbi und Sandra Tanner.